Tarifa-Forum verknüpft Druck am Bosporus der Straße von Gibraltar mit der arktischen Debatte über „Intelligenz“
- GSI

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Ein internationales Treffen in Tarifa, das vom 23. bis 26. Januar stattfand, brachte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Akteure der Zivilgesellschaft zusammen, um zu erörtern, wie sich Europas Grenzen verändern – und weshalb ihre Auswirkungen über vertraute Narrative und politische Standardrezepte hinausreichen, inmitten ökologischer und digitaler Umbrüche.
Unter dem Titel Borders in Motion betonte das Programm, dass Grenzregionen zu „Druckpunkten“ geworden seien, an denen politische Verschiebungen, Sicherheitsentscheidungen, Migrationsbewegungen und konkurrierende Erzählungen aufeinandertreffen. In diesem Kontext wurde das Campo de Gibraltar – mit La Línea und dem nahe gelegenen Grenzübergang zu Gibraltar als Bezugspunkten – als Fallbeispiel vorgestellt, in dem die Debatte über Schengen-Freizügigkeit und Sicherheit weiterhin spürbar knapp unter der Oberfläche liegt.
Die Veranstaltung fand im The White House Tarifa statt, einem Ort, der regelmässig Treffen im Zusammenhang mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) ausrichtet und zugleich Sitz von Global Society News (GSN) ist. Das Programm beschrieb Tarifa als südlichsten Punkt des europäischen Festlands – näher an Tanger als an der nächsten spanischen Stadt –, gelegen an der Nahtstelle, an der Europa und Afrika aufeinandertreffen und das Mittelmeer in den Atlantik übergeht. Diese Nähe, bei der die Grenze über die Strasse hinweg mit blossen Augen sichtbar ist, unterstrich die zentrale Idee des Treffens: Kaum ein Ort lässt die Grenze so unmittelbar und körperlich erfahrbar werden, wenn zwei Kontinente scheinbar in kurzer Distanz einander gegenüberliegen.
Die Sitzungen verbanden Diskussionen vor Ort mit Online-Beiträgen und reichten von „makro“-politischen Fragen zu Geopolitik und Machtkonkurrenz bis hin zu lokalen Themen wie Regionalentwicklung, Kooperation und Alltagsleben am Rand politischer Räume. Das Programm stellte Tarifa zwei nördlichen Fallstudien gegenüber – der finnischen Region Kainuu sowie Kirkenes im Nordosten Norwegens –, um gemeinsame Dynamiken zu untersuchen, darunter polarisierte Narrative, sicherheitsgetriebene Belastungen und die Tendenz, dass Konflikte in Grenzräumen schärfer hervortreten.
In diesem Rahmen rückte auch zivilgesellschaftliches Engagement mit lokaler Verankerung in den Fokus. Strait Up, ein in Spanien eingetragener gemeinnütziger Verein, beschreibt sich als Brücke zwischen jungen Menschen und Organisationen der Zivilgesellschaft, indem er sie mit Ressourcen und Chancen verbindet und Expertise in internationaler Projektentwicklung, Mediation und organisationalem Capacity Building anbietet. Mit Sitz in der Strasse von Gibraltar betrachtet der Ansatz Grenzen nicht nur als Staatsgrenzen, sondern ebenso als Trennlinien zwischen Kulturen, Sprachen und Kommunikationsstilen. Zu den erklärten Zielen zählen die Stärkung der Jugendbeteiligung, die Förderung kultureller Zusammenarbeit, die Anregung von Debatten über das europäische Projekt und die Beziehungen der EU zur südlichen Nachbarschaft, die Förderung gesunder Lebensweisen sowie die Voranbringung der Gleichstellung der Geschlechter.
Die Agenda verband Europas südlichen Rand zudem mit der Arktis über die Calotte Academy, die als „Schule des Dialogs“ beschrieben wurde. Ihr reisendes Format, die Mobilität, die offene Diskussion nach jedem Beitrag und partizipative Methoden wurden als Modell genannt, das sich auf andere Grenzkontexte übertragen liesse.
Für die Ausgabe 2026 wurde ein Call ausgerufen, der sich auf das Thema „Intelligence“ konzentriert und argumentiert, der Begriff sei mit dem Aufstieg Künstlicher Intelligenz sowie der erneuten Sichtbarkeit militärischer Nachrichtendienste in einem angespannten geopolitischen Umfeld wieder ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt. Der Call rahmt die heutigen, sich überlagernden Krisen zugleich als Krisen von Information, Entscheidungsfindung und Wissensproduktion, verweist auf Reibungen zwischen unterschiedlichen Epistemologien – von indigenem Wissen bis zu algorithmischer Prognose – und richtet den Blick auf Desinformation und „Narrativkämpfe“.
Die Calotte Academy 2026 ist für den 8. bis 14. Juni geplant und führt durch Sápmi in Nordfinnland, Norwegen und Schweden. Bewerbungsschluss ist der 31. März 2026. Erforderlich sind ein Abstract (250–350 Wörter), eine kurze Bio bzw. ein CV inklusive akademischem Status sowie eine knappe Publikationsliste; die Einreichung erfolgt online über die offizielle Website der Academy, auf der auch zusätzliche Anforderungen, Kontakte und Updates veröffentlicht werden.
Insgesamt bekräftigte das Treffen in Tarifa eine Kernaussage: Grenzen sind nicht mehr nur Linien auf Karten. Sie betreffen auch, wie Wahrnehmungen entstehen, welche Institutionen und Gemeinschaften die Folgen tragen – und wie Methoden, Dialog, grenzüberschreitender Vergleich und Kooperation etwas Dauerhafteres bieten können als automatische Antworten in einem Zeitalter der Unsicherheit.



