Die Mobilitätslücke der Globalisierung: Kapital überquert Grenzen mühelos, Menschen können es noch immer nicht
- GSI

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Von Patrick Lumumba
Forscher und Politikberater
Das grosse globale Paradox
In der heutigen globalen Ordnung reist Geld in beispielloser Geschwindigkeit. Täglich werden Billionen Dollar über die internationalen Finanzmärkte bewegt, Lieferketten erstrecken sich über Kontinente, und multinationale Konzerne funktionieren reibungslos über verschiedene Rechtsräume hinweg. Für Millionen Menschen jedoch bleibt das Überqueren derselben Grenzen eine nahezu unlösbare Aufgabe.
Die Weltbank berichtet, dass die weltweiten Zuflüsse ausländischer Direktinvestitionen in den letzten Jahren mehr als 1,3 Billionen US-Dollar überstiegen haben, während die Zahl der internationalen Migrantinnen und Migranten weltweit bei rund 280 Millionen liegt – nur 3,6 % der Weltbevölkerung. Diese Diskrepanz macht ein zentrales Paradox der modernen Globalisierung sichtbar: Kapital ist global, Menschen sind es nicht.
Die Liberalisierung des Kapitals
In den vergangenen vier Jahrzehnten wurde Globalisierung von Politiken vorangetrieben, die den freien Kapitalverkehr fördern sollten. Internationale Finanzinstitutionen haben Deregulierung, Marktöffnung und investorenfreundliche Rahmenbedingungen vorangetrieben, insbesondere in Entwicklungsökonomien.
Heute konkurrieren mehr als 90 % der Länder aktiv um ausländische Investitionen – mit Steueranreizen und lockereren Regulierungsrahmen. Kapital kann mit auffallender Leichtigkeit ein- und ausströmen und den Standort wechseln, oft ohne dauerhafte Verpflichtungen gegenüber lokalen Gemeinschaften.
Dieses Modell belohnt Geschwindigkeit und Flexibilität – Vorteile, über die Kapital in Hülle und Fülle verfügt. Menschen hingegen bleiben durch Grenzen, Bürokratie und politische Genehmigungen eingeschränkt.
Die Einschränkung menschlicher Mobilität
Während die Mobilität des Kapitals wuchs, wurden Migrationspolitiken zunehmend restriktiv. Daten der Vereinten Nationen zeigen, dass nahezu 75 % der weltweiten Migrantinnen und Migranten in nur 20 % der Länder leben – ein Hinweis darauf, dass Mobilitätschancen in einer kleinen Zahl von Zielländern konzentriert sind.
Gleichzeitig sind Visaregime komplexer geworden. Bürgerinnen und Bürger wohlhabender Länder können mehr als 75 % der Welt ohne Visum bereisen, während viele Passinhaberinnen und -inhaber des Globalen Südens mit strengen Auflagen, langen Bearbeitungszeiten und hohen Ablehnungsquoten konfrontiert sind.
Besonders ironisch ist dies angesichts des demografischen Wandels und des Arbeitskräftemangels in vielen fortgeschrittenen Volkswirtschaften. Die OECD schätzt, dass Hochlohnländer bis 2030 erhebliche Lücken im Gesundheitswesen, im Baugewerbe und in der Pflege haben werden – Sektoren, die häufig von Migrantinnen und Migranten getragen werden.
Eine Hierarchie der Pässe
Mobilität im globalen System folgt einer klaren Hierarchie. Die „Stärke“ eines Passes hängt eng mit dem nationalen Einkommen, geopolitischem Einfluss und historischer Macht zusammen.
Diese Hierarchie ist nicht zufällig. Sie spiegelt Jahrhunderte ungleicher globaler Integration wider, geprägt von kolonialen und postkolonialen Strukturen, die festlegten, wer sich frei bewegen durfte – und wer nicht. In vieler Hinsicht hat Globalisierung diese Ungleichheiten eher verstärkt als abgebaut.
Die menschlichen Kosten selektiver Globalisierung
Restriktive Mobilität beendet Migration nicht; sie macht Bewegung gefährlicher. Die Internationale Organisation für Migration berichtet, dass jedes Jahr Tausende Migrantinnen und Migranten bei dem Versuch sterben, irregulär Wüsten, Meere und militarisierte Grenzen zu überqueren.
Rücküberweisungen – Geld, das Migrantinnen und Migranten in ihre Herkunftsländer senden – zeigen eine weitere Realität. Im Jahr 2023 überstiegen die weltweiten Rücküberweisungen an Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen 650 Milliarden US-Dollar und lagen damit über der Entwicklungshilfe und in manchen Fällen sogar über ausländischen Direktinvestitionen. Migrantinnen und Migranten sind keine Belastung; sie sind eine tragende Säule globaler wirtschaftlicher Stabilität.
Dennoch gehören sie zu den am wenigsten geschützten Akteuren der Weltwirtschaft.
Globale Governance und die fehlenden Menschen
Anders als Handel und Finanzen verfügt Migration über keinen verbindlichen globalen Governance-Rahmen. Es gibt kein durchsetzbares internationales System, das Mobilitätsrechte garantiert, die gegenseitige Anerkennung von Qualifikationen sicherstellt oder eine faire Behandlung von Arbeitsmigrantinnen und -migranten gewährleistet.
Die meisten globalen Migrationsabkommen bleiben freiwillig, sodass Staaten innenpolitische Erwägungen über gemeinsame Verantwortung stellen können. Das Ergebnis ist eine Globalisierung, die wirtschaftlich voranschreitet, sozial jedoch stockt.
Globalisierung neu denken
Eine ausgewogenere Globalisierung würde Mobilität als Entwicklungsinstrument begreifen – nicht als Bedrohung. Der Ausbau legaler Migrationswege, die bessere Abstimmung bei der Anerkennung von Kompetenzen und der Schutz von Migrantenrechten würden die globale wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit stärken – nicht schwächen.
Belege zeigen wiederholt, dass Migrantinnen und Migranten über Steuern und Produktivität mehr beitragen, als sie an öffentlichen Leistungen erhalten, insbesondere langfristig. Das Problem ist nicht Migration an sich, sondern das Versäumnis, sie kooperativ zu steuern.
Globalisierung ohne Mobilität ist unvollständig und instabil. Ein System, das Kapital freie Bewegung ermöglicht, Menschen jedoch in ungleichen Geografien festhält, riskiert wachsende Ungleichheit und politischen Gegenwind.
Wenn Globalisierung der Weltgesellschaft nützen soll, muss sie sich über Märkte hinaus entwickeln. Eine wirklich globale Ordnung ist eine, in der Chancen nicht vom Geburtsort abhängen – und in der Menschen nicht als Hindernisse der Globalisierung gelten, sondern als ihre unverzichtbarsten Teilnehmenden.



