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Industrieller Wandel durch Kreislaufwirtschaft


Industrieller Wandel durch Kreislaufwirtschaft
Industrieller Wandel durch Kreislaufwirtschaft

Als Ashna Mudaffer beschließt, 2019 ihre Masterarbeit zum Thema Kreislaufwirtschaft zu schreiben, betritt sie buchstäblich Neuland. Sie besuchte ein einziges Seminar zur Kreislaufwirtschaft an der Johannes Kepler Universität im Studiengang Management mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit und wusste sofort: "Das ist mein Thema", sagt sie. Damals gab es an ihrer Universität in Linz, Österreich, noch keine eigene Lehrveranstaltung zur Kreislaufwirtschaft, sondern nur ein 2015 gegründetes Forschungsinstitut. Dort findet sie einen Betreuer und kurz darauf sogar ein Praxisbeispiel für ihre Masterarbeit. Sie absolviert ein Praktikum beim Spritzgießmaschinenhersteller Engel im oberösterreichischen Schwertberg.


Bei dem weltweit tätigen Unternehmen analysiert sie die Geschäftsprozesse und entwickelt Strategien, wie das Unternehmen "zirkulär" werden kann. Unter anderem schlägt sie vor, dass Engel in Zukunft defekte und verschlissene Maschinen zurücknimmt und aufarbeitet. Das ist der Kerngedanke der Kreislaufwirtschaft: Der Hersteller eines Produkts soll nicht mehr nur bis zum Verkauf verantwortlich sein, sondern auch dafür sorgen, dass wertvolle Ressourcen im Wirtschaftskreislauf erhalten bleiben.


Echte Kreislaufwirtschaft ist viel mehr als Recycling. Befürworter stellen sich geschlossene, regionale Wertschöpfungsketten vor, in denen Produkte nicht im Müll landen, aus dem dann die wenigen wiederverwertbaren Materialien gefischt werden. Stattdessen werden viele neue Arbeitsplätze geschaffen, weil die Technik gewartet, repariert und aufgearbeitet werden muss. Auch die Europäische Union hat dieses Potenzial erkannt und übt Druck aus. Seit 2015 gibt es im Rahmen des "Circular Economy Package" eine Reihe von neuen Gesetzen. Unternehmen brauchen entsprechend ausgebildete Mitarbeiter, die den Transformationsprozess kaufmännisch und technisch begleiten. "Die Kreislaufwirtschaft erlebt gerade einen absoluten Hype", bestätigt der Wirtschaftswissenschaftler Erik Hansen. "Und Fachkräfte für diesen Bereich sind Mangelware."


Die Nachfrage ist groß


Hansen ist Gründer und Leiter des Instituts für Integriertes Qualitätsdesign in Linz, wo Ashna Mudaffer ihre Masterarbeit schrieb. Erst als sie ihren Abschluss in der Tasche hatte, gründete Hansen gemeinsam mit anderen in Linz den Masterstudiengang "Sustainable Business & Circular Economy" an der LIMAK Austrian Business School. "Immer mehr Universitäten bieten eigene Programme an oder gründen Forschungsinstitute, die technische Aspekte der Kreislaufwirtschaft mit unternehmerischen verbinden", sagt Hansen.


Einige Universitäten bieten bisher nur einzelne Module oder Vorlesungen zu diesem Thema an. Es gibt aber auch immer mehr spezialisierte Bachelor- und Master-Studiengänge zur Kreislaufwirtschaft. Und auch das Angebot an berufsbegleitenden Weiterbildungsmöglichkeiten wächst. Die so ausgebildeten Experten sollen Unternehmen bei der Umstrukturierung unterstützen - und das nicht nur in Branchen, die selbst Materialien verarbeiten, wie die Textil-, Chemie- oder Automobilindustrie. "Auch große Vermögensverwalter wie Blackrock oder Beratungsunternehmen beschäftigen sich mit der Kreislaufwirtschaft", sagt Hansen. Die Nachfrage ist so groß, dass er täglich Absagen für Vorträge, Rundtischgespräche oder Kooperationsanfragen von Unternehmen geben muss. Es wird einfach zu viel.


Zu den spezialisierten Bachelor-Studiengängen gehört auch jener, den die Fachhochschule Wiener Neustadt anbietet. Im Studiengang "Nachhaltige Produktion und Kreislaufwirtschaft" lernen die Studierenden, wie ein Kreislaufwirtschaftssystem funktioniert. Nach dem Studium können sie zum Beispiel als ProduktentwicklerInnen oder EntwicklungsingenieurInnen bereits in der Designphase dafür sorgen, dass Produkte länger halten und besser wiederverwendet werden können. Oder sie können als Projekt- und Ressourcenmanager Strategien für Stoffkreisläufe entwickeln.


Nicht jeder möchte bei Null anfangen


Wem ein Bachelor-Abschluss nicht ausreicht, der kann sich in einem der Master-Studiengänge noch intensiver mit der Kreislaufwirtschaft auseinandersetzen. An der Fachhochschule Köln bietet das Lehr- und Forschungszentrum Metabolon Veranstaltungen für Bachelor- und Masterstudierende zum Thema Kreislaufwirtschaft an. An der Berner Fachhochschule gibt es einen viersemestrigen Masterstudiengang "Circular Innovation and Sustainability". Studierende, die ihren Bachelor-Abschluss außerhalb der Schweiz gemacht haben, müssen drei Monate lang in einem geeigneten Beruf gearbeitet haben, um zugelassen zu werden. Auch die Universität Linz reagiert auf die Nachfrage und baut ihr Angebot aus. Bis Herbst 2024 werden hier drei neue Studiengänge starten: Der Bachelor-Studiengang "Nachhaltige Kunststofftechnik und Kreislaufwirtschaft" sowie die Master-Studiengänge "Kunststoffmanagement und Nachhaltigkeit" und "Polymer Engineering and Science".


Aber nicht jeder, der sich beruflich für das Thema interessiert, will ganz von vorne anfangen. Für sie gibt es neben den Vollzeitstudiengängen auch berufsbegleitende Studiengänge. Die Hochschule Rosenheim bietet seit dem Sommersemester 2022 den berufsbegleitenden Masterstudiengang "Circular Economy" an. Er richtet sich an Berufstätige, die bereits in Branchen arbeiten, in denen das Thema relevant ist und kostet rund 14.500 Euro. Allen Studiengängen ist gemeinsam, dass sie betriebswirtschaftliche Kompetenzen mit einem technischen und ökologischen Verständnis von Produktionskreisläufen verbinden wollen. "Die Kreislaufwirtschaft ist ein ganzheitliches Konzept, das alle Bereiche unseres Wirtschaftssystems miteinander verbinden muss", sagt der Linzer Wirtschaftswissenschaftler Erik Hansen. Dementsprechend vielfältig sind auch die Karrieremöglichkeiten. Sowohl Dienstleistungs- und Industrieunternehmen als auch Verwaltung, Regierungen und internationale Organisationen brauchen ausgebildete Kreislaufwirtschaftsexperten. Das Gleiche gilt für die digitale Industrie.



Eine große Chance für Branchen mit schlechtem Ruf


Wenn Ihnen ein Studium zu umfangreich ist, können Sie sich auch in sogenannten Massive Open Online Courses, kurz MOOCs, weiterbilden. Das sind Online-Kurse, die von Hochschulen auf speziellen Plattformen mit bis zu zehntausend Teilnehmern angeboten werden - offen für alle und meist kostenlos. Die Plattformen edx.org und udemy.org bieten verschiedene Kurse zur Kreislaufwirtschaft an. Bei edx können Interessierte zum Beispiel den Kurs "Circular Economy: An Introduction" von der niederländischen Technischen Universität Delft belegen. Und auch bei coursera.org finden Interessierte mehr als 30 solcher Weiterbildungseinheiten, angeboten von internationalen Universitäten wie der Lund University oder der University of London.


Erik Hansen ist sich sicher, dass das Angebot an Kursen in allen Bereichen zunehmen wird. "Gerade für Branchen, die keinen guten Ruf haben, wie die Kunststoffindustrie oder energieintensive Branchen wie die Metallindustrie, ist die Kreislaufwirtschaft eine große Chance", sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Sie können mit Hilfe der Experten besser und nachhaltiger werden. Und damit auch leichter neue Mitarbeiter gewinnen. "Denn die Menschen wollen lieber in einer Branche arbeiten, die Teil der Lösung und nicht Teil des Problems ist."


Auch Ashna Mudaffer hat einen solchen Job gefunden. Sie arbeitet jetzt bei Business Upper Austria, der Standortagentur des Landes Oberösterreich, und ist dort für die Projektorganisation im Bereich der Kreislaufwirtschaft zuständig. Vor kurzem bekam sie einen Anruf: Ihre ehemalige Praktikumsfirma Engel hat Teile der von ihr mitentwickelten Strategie übernommen. Das Unternehmen kauft nun alte Maschinen zurück und bereitet sie wieder auf. "Das zeigt, dass sich in der Branche etwas tut", freut sich die Masterabsolventin.


Aufgrund von Veränderungen, die durch menschliches Handeln jeden Tag schwieriger rückgängig zu machen sind, scheint es, dass unsere Existenzgrundlage in Gefahr ist. Wenn wir die globale Erwärmung aufhalten wollen, bevor sie katastrophale Ausmaße annimmt, müssen wir die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen umfassend angehen. Das Ziel für nachhaltige Entwicklung im Bereich Bildung besteht darin, den gesellschaftlichen und individuellen Wandel zu fördern, der für die Umkehrung der Richtung erforderlich ist.



Weitere Informationen: https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/buero-co/circular-economy-kreislaufwirtschaft-bietet-auch-bewerbern-viele-chancen-18614952.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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